Weihnachten – das Fest der Liebe. Geschmückte Tannenbäume glitzern in festlich eingerichteten Wohnstuben um die Wette. Die unterschiedlichsten Nadelgehölze thronen prunkvoll verkleidet auf gut sichtbaren Plätzen. Wer ist der Schönste im ganzen Land? Überall erklingen Kirchenglocken, läuten mit jedem Gongschlag den Heiligen Abend ein. Leuchtende Kinderaugen mit glühenden Pausbäckchen warten sehnsüchtig auf das Christkind.

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Dorothee steht am großen Terrassenfenster ihres Ateliers und beobachtet den langsam nieder rieselnden Schnee. Dicke weiße Flocken, so federleicht und zart. Verträumt blickt sie nach draußen in ihren verschneiten Rosengarten. Der zugefrorene See hinter ihrem weitläufigen Anwesen bietet ein märchenhaftes Panorama. Wie mit einer dünnen Puderzuckerschicht überzogen, schimmern die alten, knorrigen Bäume am Rand des Sees. Die weiße Pracht der umliegenden Landschaft ist umhüllt wie in einer warmen Daunendecke. Schützend und geborgen. Erinnerungen bleiben davon unberührt. Sie lassen sich nicht von einem dicken Mantel aus Schnee einhüllen und schon gar nicht für immer verdecken.

Winterfoto für KurzgeschichteIm Hintergrund ihres geräumigen Ateliers raunt Bob Dylan melancholisch durch den Äther „Knocking on Heavens Door“. Passend zur Stimmung. Zum Glück spielt dieser Radiosender nicht die übliche Heile-Welt-Musik wie „Süßer die Glocken nie klingen“ oder „Vom Himmel hoch da komm’ ich her“. Dorothee schaut nach vorn, doch ihre Gedanken wandern zurück.

Ist es wirklich schon vier Jahrzehnte her, als sie das Licht der Welt erblickte?
Wie schnell die Zeit vergeht. Hoffentlich ist es mit dem Alter ähnlich wie mit einem lagerfähigen Rotwein: Je älter desto besser. Das wäre tröstlich. Sie liebt Rotwein.

Ihr Blick fällt auf eine Rosenknospe im Garten. Die aufgehende Blüte hat es nicht mehr geschafft, ihre volle Schönheit zu entfalten. Mitten aus dem Leben gerissen. Tränen, die zu gefrorenen Regentropfen erstarrt sind, hinterlassen bleibende Spuren auf der rosigen Haut. Konserviert für die Ewigkeit.

gefrorene Rosenknospe

Als erfolgreiche Mode-Designerin arbeitet Dorothee mit vielen Schönheiten zusammen, die ihre rauschenden Abendroben einem auserkorenen Publikum präsentieren. Ihre Kollektionen sind weltweit begehrt. Doch die Haute Couture fordert ihren Tribut: Immer neue Einfälle, immer extravagantere Modelle – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Scheinbar. Doch zu viel ist passiert.

Erinnerungen werden wach, die wie ein giftiger Pfeil das Herz durchbohren und in der Seele stecken bleiben. Das lähmende Gift erlischt jeden aufkeimenden Hoffnungsschimmer. Vor ihrem inneren Auge türmen sich knochentrockene Holzstücke; warten darauf, durch eine zündende Idee den lang ersehnten Einfallsreichtum wieder zu entfachen und als loderndes Feuer neue Kunstwerke auszuspucken.

Edle Stoffe aus Samt uhd Seide hoffen sehnsüchtig auf diesen entscheidenden Augenblick – und auf ihren glamourösen Auftritt: Wann können sie endlich wieder als prächtige Kreationen die Laufstege dieser Welt erobern und sich bewundern lassen? Noch harren sie geduldig aus und fristen ihrem tristen Schattendasein in den vollgepackten Atelier-Regalen.

Stoffe aus ChiffonDoch Dorothees Kapital ist ausgelaugt. Ausgepresst. Ausgetrocknet.

Wer schlüpft in ihre Haut, um zu spüren wie sich ein Hochdruck-Kessel kurz vor der Explosion anfühlt? Wer kommt nachts zu ihr, um die quälenden Träume einzufangen? Wer gibt ihr eine Antwort auf die Frage: Warum? Niemand.

Weihnachten – ein Kind erblickt das Licht dieser Welt, holt zum ersten Mal Luft; im selben Moment schließt ein anderer Mensch für immer die Augen, haucht seinen letzten Atemzug. Einatmen – ausatmen – das ist der Lauf des Lebens. Das Altern beginnt mit der Geburt. Doch manche Menschen werden nicht alt.

Machtlos gegen die größte Macht auf Erden.
Wehrlos gegen die eigene Hilflosigkeit.
Hilflos die Augen vor der Wahrheit verschließen…

strahlender wolkenhimmel

Plötzlich hüpft ein Blaumeisen-Pärchen munter durch den frisch gefallenen Schnee und reißt Dorohee aus ihren Gedanken.

Die feinen Fußspuren der kleinen Vögel  hinterlassen bleibende Abdrücke in der noch unbefleckten Winterwelt. Das dreibeinige Vogelhäuschen auf dem schneebedeckten Rasen ist auf gefiederte Gäste eingestellt und voll mit Sonnenblumenkernen gefüllt.

Draußen ist es dunkel geworden. In einer Woche ist Silvester. Dorothee hat sich ein Weinglas vom purpurroten Chateauneuf du Pape, Jahrgang 1990, eingeschenkt. Sie schaut nach draußen in die sternenklare Nacht. Ein Stern strahlt besonders hell. Bist Du es? Kannst Du mich sehen? Sie prostet zum Himmel:
„Auf Dein Wohl! Du wirst immer in meinem Herzen sein.“

Stern am Nachthimmel

Im Flur klingelt das Telefon und bringt Dorothee zurück in die Gegenwart.

„Oh, hallo Anna!…
Danke, dass wünsche ich Dir und Deiner Familie auch…
Silvester? Weiß ich noch nicht…
Ja, das Feuerwerk am See war bislang jedes Jahr fantastisch.
Ich überleg’s mir. Tschüss und noch schöne Feiertage!“…

Kerze im DunkelDas Leben geht weiter, die Erinnerung an ein viel zu kurzes Leben bleibt.
Für immer.

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